Folge 11 Selbstständig mit Theater #4

Und weiter geht der Weg in die Selbstständigkeit.
Diesmal spreche ich darüber wie ich als Selbstständige organisiert bleibe und versuche mich in einem Minijahresrückblick.

Das Transkript zur Folge findet ihr weiter unten.

Selbstständig mit Theater #6 Orgaskill Level 3000 Theater in Dosen

  1. Selbstständig mit Theater #6 Orgaskill Level 3000
  2. Selbstständig mit Theater #5 Explodiernde Kalender und Verträge
  3. Selbstständig mit Theater #4
  4. Selbstständig mit Theater #3
  5. Selbstständig mit Theater #2

Transkript zur Folge:

Hallo und Herzlich willkommen mein Name ist Charlotte Werner und heute nehme ich euch wieder mit auf meinem Weg in die Selbstständigkeit im Theaterbereich.

Ich hatte ja bereits ein paar Mal das Thema Ängste in der Existenzgründung angesprochen. Dazu habe ich ein paar Rückmeldungen erhalten und diese sagen alle im Kern aus: Das ist normal. Und das geht nie ganz weg. Es verschwindet gelegentlich, aber es kommt wieder. Daraus leite ich jetzt mal ganz frech ab: Wer sich selbstständig machen will, ist gut beraten, wenn er*sie lernt mit Angst umzugehen.
Die letzten eineinhalb Wochen waren für mich verhältnismäßig angstfrei. Sie waren eher von der Lust sich ins Unbekannte zu werfen geprägt und vom Hinterfragen von ungeschriebenen Regeln. Aber eins nach dem anderen.
Seit der letzten Folge habe ich begonnen meine Website charlottewerner.org zu gestalten und Texte dafür zu schreiben. Sie ist noch lange nicht fertig, aber sie hat schon mal eine Startseite und ein Kontaktformular. Ähm ja. Da muss ich noch ein bisschen ran. Außerdem habe ich Visitenkarten erstellt, da ich langsam ins Netzwerken gehe. Das war in der letzten Folge ja ein Thema, bei dem ich gesagt habe: Boah, das fällt mir richtig schwer. Es fällt mir immer noch schwer den ersten Kontakt aufzunehmen, aber ich habe das Gefühl ich werde besser. Und ich lerne mir selbst zu sagen: „Fuck it! Wenn dem Gegenüber nicht passt wer und wie ich bin, dann ist das auch niemand der in meinem Netzwerk sein oder bleiben wird. Also sei einfach du selbst.“ Das ist allerdings leichter gesagt als umgesetzt und so erwische ich mich doch immer wieder dabei steife höfliche Formulierungen zu benutzen die überhaupt nicht zu mir passen. Nun gut, Lernfortschritte sind ja schließlich meist langsam und erste Kontakte sind aufgenommen. Wie gut ich das locker bleiben schon umsetzen kann werde ich diese Woche noch erleben, da ich zu Knifften & Konsorten gehe. Das ist ein Netzwerktreffen der Kultur- und Kreativbranche in Bochum. Mein erstes Mal auf einem Netzwerk treffen. Aufregend. Wie das so läuft, werde ich erst später berichten können, da ich quasi danach für ein paar Tage an die Ostsee fahre, um noch mal richtig durchzuatmen, bevor der Marathon Existenzgründung weitergeht. Ein bisschen was wird sich wahrscheinlich währenddessen bewegen, da ich meinen Antrag auf den Gründerzuschuss nachher in den Briefkasten werfen werde. Yeah.
Hab ich gerade Marathon Existenzgründung gesagt? Ja. Damit sind wir beim Hinterfragen von ungeschriebenen Regeln. Weil: Warum mache ich mich selbstständig? Dafür gibt es natürlich viele Gründe aber einer davon ist frei zu arbeiten und selbst zu bestimmen, wie und wann ich arbeite. Und klar, was ich von der Welt gespiegelt bekomme, und auch selber spüre, ist das eine Gründung kein Zuckerschlecken ist. Aber wenn ich von Anfang an davon ausgehe, dass ich mich ständig überarbeiten werde und wenig Geld verdiene, dann hätte ich auch als Festangestellte im Theater bleiben können.
Ich stehe also vor einem Fragenkomplex: Wie kann ich eine Selbstständigkeit aufbauen ohne komplette Selbstausbeutung? Wie kann ich als Kreative selbstständig und nicht arm sein? Und damit begebe ich mich auf die Spuren von Vorurteilen und Bildern in meinem Kopf, die mit Sicherheit gesellschaftlich geprägt sind. Bilder wie: Künstler*innen müssen arm und überarbeitet sein. Wieso eigentlich? Wer hat das festgelegt? Und warum muss das so bleiben? Ist das vielleicht zu einem Teufelskreis geworden? Wenn ich mir überlege, wie ich oft ich schon mit Theaterschaffenden zusammensaß und es in erster Linie darum ging wer mehr und härter arbeitet, schon unter- oder sogar unbezahlt für berühmte Regisseur*innen gearbeitet hat und fast alle tragen Second Hand. Nicht alle aus Überzeugung. Einige, weil alles andere zu teuer ist. Ich glaube nicht, dass alle das tun, weil sie es toll finden, zum Beispiel eine vierwöchige Regieassistenz mit 45 Stunden die Woche abzuleisten und dafür 800€ zu bekommen. Aber sitzen wir zusammen, dann reden wir uns das Ganze schön. Ich kann mich da nicht ganz rausnehmen. Ich habe selber schon so agiert. Und solange Künstler*innen das mit sich machen lassen, warum sollte uns irgendwer mehr zahlen? Warum verlangen wir nicht mehr? Wir haben Angst. Angst davor die Stelle nicht zu bekommen. Angst davor, dass die Gelder gekürzt werden. Angst davor, dass sich rumspricht das wir teuer sind und dann keine Jobs mehr bekommen. Angst davor keine Karriere machen zu können in unserem Traumbereich. Und so schauen wir zu, wie unser Lebenstraum zu einem Alptraum wird. Und dabei sollen wir noch dankbar sein, weil wir ja unseren Traum leben dürfen. Und eine Stimme in meinem Kopf sagt jetzt: Es ist ja auch ein Privileg von Kunst leben zu dürfen. Und ich möchte zurückfragen: Ist das noch Leben oder eher existieren, wenn ich mich abrackre und nicht weiß, woher das Geld für die nächste Miete kommt? Und Wie weit ist es ein Privileg? Ja auch diese Frage will ich stellen. Ja, sicher es gibt Dinge die wichtiger erscheinen und für das nackte Überleben auch sind. Aber Kunst wurde schon in der Steinzeit geschaffen. Also einer Zeit in der es um das nackte Überleben ging. Kunst begleitet die Menschheit durch alle Zeitepochen. Das Bedürfnis unsere Geschichte durch Kunst zu erzählen, zu spiegeln, eine Vision wie es weiter gehen könnte künstlerisch zu erschaffen war schon immer vorhanden. Und wir alle konsumieren Kunst. Andauernd. Und ja, auch während der Pandemie. Vielleicht nicht die Kunst im Theater oder Museum. Aber wer hat während der gesamten Lockdownzeit kein Buch gelesen, keinen Film, keine Serie geschaut oder kein Computerspiel gespielt? Das ist alles Kunst. Es scheint also irgendwie wichtig zu sein, dass Kunst geschaffen wird. Also zurück zu meiner Frage: Warum müssen Künstler*innen arm und überarbeitet sein?
Sie müssen ja nicht gleich das Gegenteil, also reich und ausgeruht sein. Aber angemessen bezahlt werden und keine 10 Tage Wochen mehr, denn ja, dass passiert immer wieder, das wäre doch mal ein nicer Start. So Ausraster Ende. Sorry. Nee nicht Sorry.
Aber ich möchte meine Frage etwas abwandeln: Wie ändert man das Bild der armen, überarbeiteten Künstler*innen in das von angemessen bis gut verdienenden Künstler*innen mit ausreichend freien Tagen? Vermutlich, indem man es vorlebt. Die Frage ist also: Wie kommen wir als Künstler*innen dahin? Das ist die Frage, die mich momentan in all den Gründungsvorbereitungen und -handlungen begleitet. Ich bin gespannt, wo es mich damit hinbringen wird.
So, ich widme mich jetzt wieder meinen Websitetexten und packe für die Fahrt an die Ostsee. Und ich erwische mich dabei, wie ich sagen will: Die Ostseefahrt leiste ich mir mit meinen letzten Ersparnissen. Damit nur ja keiner auf die Idee kommt, ich könnte Geld besitzen. Und das nachdem ich gerade gesagt habe: Ich kriege gerade Arbeitslosengeld. Arm und Sexy. Oh man *lach*
Wie geht es euch mit diesem Themenkomplex? Welche Bilder und Vorurteile habt ihr?
Ich wünsche euch eine gute Zeit und wie immer:

Wenn ihr Fragen habt, über ein Thema mehr wissen oder Feedback geben wollt dann meldet euch gerne bei mir über einen der folgenden Wege:
Per E-Mail an kontakt@theaterindosen.com
Instagram @momowerner oder
Facebook @ theaterindosen

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